Südindien, zweiter Einsatz in Kanyakumari (Indien), 25.9.-9.10.2010

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Unmittelbar nach dem Tsunami vor 5 Jahren war die Freiburger Gruppierung von Interplast zu ihrem ersten Hilfseinsatz in Südindien. Es entwickelte sich eine Freundschaft zum damaligen lokalen Koordinator. Dr. Jayalal hat Freiburg nicht nur vergangenes Jahr besucht, sondern stieg berufspolitisch auch zum Sekretär der IMA (Indian medical Association) auf. Vor einem Jahr wurde die Renovation seiner Klinik vollendet, sodass auf seine Bitte, erneut einen Interplasteinsatz zu starten, gerne eingegangen wurde. Besonders eindrucksvoll war das Wiedersehen mit einigen vor 5 Jahren operierten Patienten, die das Team besuchten. Ein jetzt 10 jähriges Mädchen mit damals operierter Gaumenspalte konnte inzwischen recht gut sprechen, ihre Dankbarkeit und die Tatsache, dass sie nun ohne dieses Stigma gleiche Chancen im Leben haben wird, war sehr bewegend.

Kanyakumari_gr 2010 Indien-13

Einsatzprotokoll Kuizithurai 25.09.2010 bis 09.10.2010
IP-Nr. 816/10 und die E-Nr. 43/10

Dr. M. Schwarz, Chirurgie, Plastische Chirurgie, Handchirurgie
Dr. H. Berenskoetter, Chirurgie, Kinderchirurgie
Dr. D. Bierawski, Anaesthesie
Dr. D. Dunkelberg, Anaesthesie
Sr. Ch. Engstfeld, OP-Schwester

Vor fünf Jahren war dies der erste eigenständige Einsatz der Freiburger. Die Freundschaft zum damaligen lokalen Koordinator hat gehalten. Dr. Jayalal hat Freiburg nicht nur vergangenes Jahr besucht sondern ist berufspolitisch auch zum Sekretär der IMA (Indian medical Association) aufgestiegen. Vor einem Jahr wurde die Renovation seiner Privatklinik vollendet, sodass ein Folgeeinsatz nur die logische Konsequenz war. Organisatorisch war es relativ einfach, aber bei der Patientenaquise kam ein neues Gesetz der Staaten Tamil nadu seit Januar 2010 und seit Sommer 2010 auch in Kerala zum Tragen.

Erprobt wurde dieses Gesetz 2006 in AndraPradesh.

Die Bundesstaaten haben jeweils 150 Mio € bereitgestellt, um ähnlich wie bei deutschen IV-Verträgen jedem Inder, der 150€ Monatslohn/Familie unterschreitet, Operationen aus diesem Topf auch in Privatkliniken, die gewisse Standards erfüllen, zu ermöglichen (Gesamtvergütungen, z.B. Cholezystektomie 400€ incl Vor/Nachsorge, Anaesthesie, Station). In dieser Indikationsliste sind u.a. alle Frakturen, Verbrennungsfolgen und Congenitale Veränderungen sowie Strumen und HNO-Diagnosen. Dies liegt in der geringen Facharztdichte im staatlichen Gesundheitssystem. Trotzdem fanden sich vier Wochen vorab schon 46 Patienten ein. Insgesamt waren es 71 gut voruntersuchte Patienten im Screening mit insgesamt 60 Operationen und einigen Triamcinolon/Keloid-Unterspritzungen.

Wie vor fünf Jahren hauptsächlich Verbrennungsfolgen, aber glücklicherweise nicht mehr so die Betonung auf Frauen (weniger Mitgiftverbrechen,Dowry Violence).

In den fünf Jahren haben sich die beiden Südspitzenstaaten Kerala und Tamil Nadu extrem weiterentwickelt mit allen Höhen und Tiefen einer solchen Entwicklung. Auf dem 4spurigen Highway von Chennai (Madras) nach Kuzithurai fuhren zahlreiche Viehlaster, die die Schlachtbank im christlich betonten Kerala erwartete, vor fünf Jahren eine Unmöglichkeit, dass ein Hindu.Tamile, seine heilige Kuh hergab. Zunehmend finden sich auch sonst andere Essensgewohnheiten, Pizza, Spaghetti und Burger sind hoch im Kurs, die Zubereitung eines Tamil-Essens mit stundenlangem Kochen, zeitgerechten Zufügen der Kräuter geht einfach zu lange.

Selbstverständlich hat die traditionelle Lebensweise noch Überhand, aber die Veränderung ist an jeder Ecke zu spüren. Die politischen Spannungen aus dieser Entwicklung sind in den Nachrichten ebenso omnipräsent, abrissbedrohte Tempel, Spannungen speziell zwischen Moslem und Hindu, Korruption auf höchster Ebene, die nun auch (Pressefreiheit sei Dank) publik wird.

Ich schreibe hier weniger medizinisches, denn das OP-Spektrum war ein klassischer Interplast-einsatz mit vorwiegend Verbrennungsfolgen, nur eine Lippenkiefer-Gaumenspalte und wenig Syndaktylien o.ä. aus den eingangs genannten Gründen.

Im Sinne der Nachhaltigkeit waren lokale Fortbildungen ein großer Schwerpunkt. Eine Schwesternabschlußklasse war in den OP abgestellt um hier von uns besonders in Hygiene auf den neuesten Stand gebracht zu werden. Die Prinzipien der plastischen Chirurgie wurden Schritt für Schritt erläutert, das Camel-Book war ein willkommenes Geschenk. Eine Anaesthesieschwester vor dem Abschluss wurde ebenso den Anaesthesisten zugeordnet und konnte so sehr intensiv angeleitet werden.

Verglichen mit dem Kalkutta Einsatz zum Jahresbeginn spürt man die Notwendigkeit zu helfen hier weniger, man hat den Eindruck, in ein bis zwei Jahren haben sie ein Niveau erreicht, wo alles Notwendige aus eigener Kraft geleistet werden kann. Dies ist aber sicher eine Besonderheit dieser beiden Staaten, in Bengalen war davon nichts zu spüren.

Besonders eindrucksvoll war das Wiedersehen mit einigen vor 5 Jahren operierten Patienten, die teilweise nur aus Dankbarkeit vorbeischauten. Auch die Feier der Schwesternabschlussklasse der Klinikschwesternschule mit Kennenlernen der Indien-spezifischen Feierlichkeiten und ein Hands-On Workshop für Intensive Care am Wochenende, in dem sich die Anaesthesisten aktiv einbrachten ließ mehr als die Oberfläche erkennen.

Am Abschlußabend war ein Vortrag meinerseits vor der Ärztekammer gewünscht, das Team bekochte die gastgebende Familie am letzten Arbeitstag.